Der ORT

Der ORT – Erste Gehversuche auf der Tastatur

Es ist kalt und warm, regnerisch und sonnig. Das ist der ORT. Ein Platz, der wie jeder andere in dieser Republik ist. Ein ORT an dem samstags das Auto gewaschen und der Rasen gemäht wird. Außer im Winter, dann werden Teppiche nach draußen geschleppt und in den Schnee gelegt. Im ORT wohnen Menschen, Tiere und der ganz normale Dreck, der sich überall findet, wo Menschen leben oder zumindest meinen, dass sie leben. Außer den Tieren, sie sind sich nicht ihrer Lebendigkeit bewusst.
Und es gibt viele Tiere an dem ORT. Kleine, große. Zum Essen und zum Liebhaben. Alles mögliche.
Der ORT hat einen historisches Kern. Da steht ein altes Rathaus. Wirklich alt: 300 – 500 Jahre mindestens. In der Regel haben die alten Gebäude ein Erscheinungsbild, das eine pittoreske Kombination aus alten Balken, alten Mörtel und neuer Fassade sind. Alles natürlich rein dem Denkmalschutz geschuldet oder wenn möglich durch einen kleinen Freundschaftsdienst für einen Parteifreund werden die Regel ausgehebelt. Manchmal werden sie auch in dem ORT gedehnt, wie eine Fuge, die das Fachwerkhaus zusammenhält. Der ORT hat auch eine Fußgängerzone mit roten Steinen. Vielfach stürzen die Leute, wenn die Steine nass geworden sind. Meistens sind das Ältere. Ältere, die nun in der Nähe des Krankenhauses wohnen. Da sind dann nicht mehr viele Meter bis zum Krankenhaus. Gerade im Alter kann das wichtig sein. Im ORT wohnen immer mehr Senioren. Alte Menschen wohnen in alten Häuser, die frisch renoviert worden sind. Es wurden seniorengerechte Bäder und so eingebaut. Vom örtlichen Baulöwen. Ein Parteifreund des Bürgermeister. Sein Haus hat er auch gebaut. Am Wochenende vielfach. So läuft das im ORT. Menschen helfen sich da. Auch am Wochenende. Sie machen dann gerne was gemeinsam. Häuser bauen, Parties feiern und so. Das ganze Programm. Der ORT hat so einiges an Götteshäuser zu bieten. Entweder mehr katholische oder mehr evangelische – je nach Landstrich oder wie die Fürsten damals drauf waren. Religionskriege gabe es schon weit bevor ein bärtiger Mann aus Saudi Arabien die USA herausgefordert hat. Die Kirche ist ein wichtiger Bestandteil im ORT. Total wichtig. Schon früh sind im ORT die Weichen gestellt. Sie werden in die Wiege gelegt. Ist man noch klein, dann gibt es schon bald nach der Geburt einen großen Termin: Die Taufe. Menschen im ORT ist dieser Ritus wichtig, werden doch Kinder nicht in den Himmel gelangen, wenn sie nicht getauft sind und damit ein Teil der Gemeinde. Es gab Zeiten, in den sich die Friedhofsverwaltung sich weigerte gestorben Frühchen beerdigen zu lassen, da sie noch nicht getauft waren. Wohin die Babies kamen, die nicht getauft waren und starben, ist eine Geschichte, die im ORT nur unter der Hand erzählt wurde. So ist das mit den Religionen – es wird heimlich und unheimlich blutig, wenn die Geschichten unten den Tisch fallen, die nicht offiziell sind. Aber irgendwann ist es im ORT auch so gewesen, dass dort auch diese Babies beerdigt wurden. Nottaufe war der Begriff, der tote Babies zu regulären Tote im Sinne der Mutter Kirche machte.
Doch der ORT zeichnet sich durch weitere Gemeinschaftsaktionen aus. Dein Leben in der Geheimschaft des ORTes beginnt mit dem Kindergarten. In der Regel konfessionell. Das bedeutet nach dem Aufstehen, dem Frühstück und dem Anzeihen eine Wanderung durch Reihenhäusersiedlungen mit erleuchteten Fenstern, die auf einen niederblicken.
Überhaupt sind die Reihenhäuser mit ihren verbilligten Bauplätzen für junge Familien eine große Wohltat für die Menschen in dem ORT. Und wichtig. Damit nicht nur Rentner hier wohnen. Reihenhäuser sind wichtig für die Menschen im ORT. Sehr wichtig. Sie haben einen identitätsstiftenden Charakter, obwohl sie alle aussehen, als ob sie aus einem Versandhauskatalog für Häuser stammen. Die roten Klinker, die roten Dachziegel sehen doch ganz hübsch aus, wenn man mit Google Maps darauf schaut. Auch erfüllen diese Häuser den Zweck des Konservativen. Ein Haus, der Traum jeder jungen Familie. In welchen Garten soll schließlich der gepflanzte Baum stehen, wenn nicht im eigenen. Zwar sind die Kreditraten hoch, aber die Sorge um die Bezahlung jener, gibt den Menschen im ORT das Argument für eine vierzigjährige Beschäftigung. Hinter der Hand gibt es einige die sagen: „Känguruh Siedlung. Nichts im Beutel aber große Sprünge machen!“ Meistens sind die Aussprechenden diese Wörter diejenigen, die zur Miete wohnen. Oftmals in den Häusern des Baulöwens. Es gibt aber noch eine andere Lösung für diejenigen, die danach gieren ein Haus zu „haben“. Häuser, die gebaut worden sind, um Menschen in den Ort zu ziehen. Wie ein Magnet wirken diese Häuser. Es sind Häuser, die der Staat gebaut hat, um Angestellte zu ködern. Wie ein Angel hat er seine Rute ausgeworfen, der Papa Staat, um diejenigen einzufangen, die dem schmackhaften Wurm nicht widerstehen konnten. Zwar musste sie dafür eine Uniform anziehen und im Bedarfsfalle einrücken. Aber sie hatten ja was im Magen und ein Dach über dem Kopf. Diese Idee gefiel natürlich auch den Industriellen, den Großen. Sie konnten hier im ORT die Fabriken bauen, die sonstwo Bürgerproteste bedeutet hätten. Alles was an Protest da war, wurde erschlagen durch ein Wort: „Arbeitsplätze“. Auch heute noch bundesweit eine Keule, die geschwungen wird, um den richtigen Treffer zu landen. Umwelt spielt keine Rolle im ORT, solange die Wiesen und die Bäume einigermaßen Grün bleiben. Was man nicht spürt und riecht, gibt es nicht. Dogma.

Wird fortgesetzt

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