Wenn die Nacht am tiefsten ist

…ist der Tag am nächsten, das singt Rio Reiser mit den unvergleichlichen Ton Stein Scherben. Manchmal will ich daran glauben, insbesondere, wenn der Tag nicht vorbei zu gehen scheint.

Kalle sitzt am Fenster und glotzt raus. Mein Teddy ist einer der wenigen, die mich wirklich verstehen. Es gibt Tage, da sitzen wir beide in der Küche und rauchen eine nach der anderen. Meistens drehe ich die Kippen aus dem Discountertabak. Kalle hat für so was keine Zeit oder Muse. Wir hören dann immer irgendeinen Klassik-Musik Quatsch, in dem sich die Geigen nicht wirklich gut zu verstehen scheinen. Es klingt wie eine Kombination aus falsch gestimmten Instrumenten und falsch abgelesenen Noten in Verbindung mit betrunkenen Musikern.

„Ich mag Schoenberg.“, meinte Kalle beim Abaschen. „Der hat so was wirres. So was unendlich gequältes.“
Zu so etwas konnte ich meistens nichts sagen. Mich nervte der Scheiß. Nicht immer aber auf die Dauer hatte ich das Gefühl, dass diese „Musik“ mir das Hirn auflöste.

„Kalle, was haste denn heute so gemacht?“. Ich drehte schon wieder eine für ihn und mich. Er nahm sie und steckte sich die Kippe in den Mund.
„Ach…“ er blies einen Kringel aus Rauch aus als er ansetzte mir was zu erzählen. „Ach… Ich habe den ganzen Tag aus dem Fenster geglotzt. Sozialstudie. Wie schnell kommt die Polizei nachdem ich sie darüber informiert habe, dass sich ein paar Jugendliche auf der Straße prügeln.“
„Und?“
„20 Minuten. Vier vollbesetzte Wagen. Mir gefällt es immer, wenn sich die Polizeisirenen so langsam in mein Ohr kriechen. Ganz langsam und zart sind sie erst. Dann werden sie immer lauter. Irgendwann sieht man das Blaulicht. Ganz besonders geil, wenn es sich gegen den Sonnenuntergang abzeichnet.“ Er spukte einen Tabakkrümmel aus.
Ich musste nachdenken. „Ja. Hat schon was. Ein Mischung aus Rummel und Rumble.“

Im Radio war jetzt Pause. Nachrichten. Irgendwelche Spinner schossen auf irgendwelche Spinner und das weltweit. Dummheit ist keine regionale, sondere eine globale Frage. Wahrscheinlich das einzige, was wirklich über alle Kulturgrenzen den Begriff Globalisierung zu recht trägt.

„Ich könnte manchmal echt kotzen. Wollste noch ein Bier?“, frage mich Kalle.
„Hör mal! Warum nicht. Was soll schon eines mehr oder weniger ausmachen!“. Ich hörte die Kühlschranktür aufklappen und dann Flaschen klimpern als Kalle zwei rausholte. Sah irgendwie merkwürdig aus, wenn so ein 30cm Teddy Bier holt. Aber was war denn nicht unwirklich in meinem Leben.
Plopp. Plopp. Zwei Flaschen treffen aufeinander und gehen wieder getrennte Wege. Jeder nimmt einen kräftigen Schluck.
„Zeit für eine Zigarette, Meister!“ sagt Kalle mit einem Bier in der Hand und grinst mich an.

One comment

  1. Makaveli85 says:

    Heyhey,

    was ist los, ist so still geworden um die bloggenden Lyriker?
    Hab mittlerweile zweiten Blog an den Start gebrocht, kannst ja mal gucken und wenn du willst verlinken.

    Gruß

    Basti

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